Die Bastardschildkröte
Lepidochelys olivacea
Die Bastardschildkröte ist in den tropischen Gewässern des Pazifischen, Indischen und Südatlantischen Ozeans beheimatet. Der Rückenpanzer ist dünner und schmaler und weist eine gleichmäßige olivgrüne Färbung auf, auch der Schädel ist schmaler und leichter gebaut und mit weniger muskulösen Kiefern ausgestattet. Über die Streifzüge der Bastardschildkröte außerhalb der Fortpflanzungszeit liegen noch kaum Informationen vor. Soweit wir aber wissen, ist sie weder eine Hochseefahrerin noch eine Weltenbummlerin wie die meisten anderen Meeresschildkröten. Sie scheint sich das ganze Jahr über mehrheitlich in Küstennähe aufzuhalten und sich höchstens ein paar hundert Kilometer weit von ihrem angestammten Niststrand zu entfernen. Jedenfalls streiften Weibchen, die man an ihren Niststellen an Costa Ricas Westküste markiert hatte, nordwärts maximal bis Mexiko und südwärts bis Ecuador umher.
Ihre Nahrung besteht aus Krabben, Schnecken, Muscheln, Hummer und Quallen. Zwecks Nahrungserwerbs taucht die Bastardschildkröte vielfach in große Tiefen von über hundert Metern hinab und sucht dort den Meeresboden nach Beutetieren ab. Vor allem nachts geht sie aber auch in den oberflächennahen Wasserschichten auf Beutefang, um das an der Meeresoberfläche üppig gedeihende Plankton zu beweiden.
Bastardschildkröten kommen zur Eiablage in Gruppen an den Strand. Die Eiablage findet nachts statt. Die Massenankünfte der weiblichen Bastardschildkröten an ihren Niststränden werden Arribadas genannt (nach dem spanischen Begriff arribada für das Einlaufen eines Schiffs in einen Hafen) und gehören zweifellos zu den ganz großen Schauspielen der Natur. Wo die Bestände der olivenfarbenen Meeresschildkröten noch gesund sind, können in einer einzigen Arribada-Nacht Tausende der trächtigen Weibchen an Land gehen. Während Stunden tauchen dann mit jeder anbrandenden Welle Dutzende von ihnen aus dem Meer auf, um den Strand hoch zu kriechen und ihre Gelege dem Sand zu übergeben. Zu den bekanntesten Stränden, an denen sich solche Arribadas heute noch ereignen, gehören der Gahirmatha-Strand an Indiens Ostküste, der Playa Nancite an Costa Ricas Westküste und der Strand bei La Escobilla an Mexikos Westküste.
Das Schildkrötencamp von Escobilla liegt eine halbe Autostunde von Puerto Angel entfernt, in Richtung Puerto Escondido. Der Strand wird in der Legezeit von Mitarbeitern und Studenten der UMAR (Universidad del Mar), des Centro Mexicano de la Tortuga und des öfteren auch von Marinesoldaten bewacht und die Brut gegen Eierdiebe, sträunende Hunde, Fregattvögel, Reiher, Echsen, etc. geschützt, denn höchstens eines von hundert Jungtieren schafft den Weg vom Nest zum Meer.
Zwischen 1970 und 1980 kamen in Escobilla pro Jahr ca. 200 000 Schildkröten in 4 Arribadas an Land. Heute sind es über eine Million in 13 Arribadas.
Ernesto Alba Vera, Mitarbeiter des Centro Mexicano de la Tortuga, erklärt, dass die Anzahl der Reptilien, welche hier ihre Eier ablegen, erfreulicherweise ständig steigt. In der Legezeit vom 6. August 2001 bis zum 2. März 2002 kamen ca. 1,5 Millionen Bastardschildkröten an Land, wovon ungefähr eine Million Tiere nisteten. Es wurden an die 100 Milionen Eier gelegt.
Das Nistverhalten der weiblichen Bastardschildkröten unterscheidet sich wenig von demjenigen bei den anderen Meeresschildkröten. Gut oberhalb der Flutmarke, vorzugsweise an ebenen, tiefsandigen Stellen ohne Pflanzenwuchs, gräbt jedes für sich mit den Hinterflossen eine etwa 30 bis 40 Zentimeter tiefe Grube in den Sand und setzt darin seine kugelrunden, im Durchmesser vier Zentimeter messenden Eier ab. Die durchschnittliche Gelegegröße liegt bei etwa 110 Eiern. Nach dem Legen schaufelt jedes Weibchen sein Gelege mit den Hinterflossen zu. Danach kriecht es den Strand wieder hinunter und taucht in die Brandung ein. Der ganze Landaufenthalt dauert selten länger als eine Stunde.
Nach rund acht Wochen krabbeln die noch winzigen Schildkrötenbabys alle miteinander aus ihren Nestern hervor und hasten unverzüglich dem Meer zu. Instinktiv wissen sie, dass sie dieses schnellstmöglich erreichen müssen, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für räuberische Säugetiere, Vögel und Echsen aller Art. Allerdings können selbst diejenigen, welche den gefährlichen Spießrutenlauf zum Meer heil überstehen, ihres Lebens noch nicht sicher sein. Denn auch im küstennahen Wasser haben die kleinen Schilkröten zahlreiche Feinde, wie Raubfische und Muränen.
Erst im Alter von sieben bis neun Jahren werden sie erstmals zu ihrem Geburtsstrand zurückkehren, um sich ihrerseits fortzupflanzen.

