Die Lederschildkröte
Dermochelys coriacea
Die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) ist der unbestrittene Gigant unter den Schildkröten. Mit einer Gesamtlänge von bis zu 250 Zentimetern und einem Gewicht von bis über 900 Kilogramm übertrifft sie bei weitem nicht nur alle anderen Meeresschildkröten, sondern auch ihre großen landbewohnenden Schwestern, die Riesenschildkröten von den Galapagosinseln und den Seychellen. Ihren Namen verdankt die Lederschildkröte der Tatsache, dass bei ihr der für die Schildkröten sonst typische starre Knochen- und Hornpanzer durch eine dicke, lederartige Haut ersetzt ist. Bei den Jungtieren sind Kopf, Rücken, Bauch und Gliedmaßen noch mit an Schuppen erinnernden Plättchen bedeckt, doch gehen diese mit fortschreitendem Alter verloren. Die Färbung der Lederschildkröte ist oberseits braunschwarz mit weißgelblichen bis orangeroten Flecken und unterseits weißlich mit dunklen Flecken.
Lederschildkröten kommen in allen wärmeren Meeren vor. In meist dreijährigem Zyklus wandert das Lederschildkrötenweibchen zur Paarungszeit aus der Weite der Ozeane, wo es ein einzelgängerisches Leben führt, zu seinem angestammten Niststrand, an dem es einst zur Welt kam. In der Nähe des Strandes angelangt, paart es sich mit den ebenfalls eingetroffenen Männchen. In einer der nächsten Nächte legt das Weibchen seine Eier am Strand ab, wo sie vom warmen Sand ausgebrütet werden. Ob Männchen oder Weibchen schlüpfen, entscheidet, wie bei Krokodilen, die Temperatur. Liegt sie über 29,5 Grad Celsius, schlüpfen Weibchen, liegt sie darunter, nur Männchen. Die Lebenserwartung von Lederschildkröten liegt zwischen 60 und 120 Jahren.
Nach rund zwei Monaten schlüpfen die winzigen, nur sechs bis sieben Zentimeter langen und dreißig Gramm schweren Schildkrötenbabys aus den Eiern und hasten sofort dem Meer zu. Instinktiv wissen sie, dass es dieses so schnell wie möglich zu erreichen gilt, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für Möwen, Krabben, Echsen und andere Feinde. Haben sie einmal das Meer erreicht und fallen nicht gleich einem hungrigen Raubfisch zum Opfer, so machen sie sich auf zu einem Leben des Wanderns in den Ozeanen. Ihren Heimatstrand werden sie erst wieder anlaufen, wenn sie im Alter von zehn oder mehr Jahren den Drang verspüren, sich fortzupflanzen.
Die wichtigsten Niststrände der Lederschildkröte liegen an der Pazifikküste Mexikos, der Nordostküste Malaysias und der Atlantikküste Französisch Guyanas.
Als einzige Meeresschildkröte ernährt sich die Lederschildkröte fast ausschließlich von Quallen. Aus dieser Spezialkost erwächst dem großen Reptil leider mehr und mehr eine ernste Gefahr. Denn offensichtlich kann die Lederschildkröte nur schwer unterscheiden zwischen Quallen und Plastikbeuteln, die der Mensch achtlos wegwirft und die heute in erschreckenden Mengen frei in allen Meeren treiben. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa die Hälfte aller Lederschildkröten Kunststoffabfälle in ihrem Magendarmtrakt haben. Diese dürften in vielen Fällen schwere Verdauungsstörungen und letztlich sogar den Tod der betroffenen Tiere hervorrufen.
Der Bestand der bis zu zwei Meter langen Lederschildkröte im Pazifik sank in den letzten 20 Jahren dramatisch. Wurden 1980 noch 91.000 Weibchen gezählt, sind es heute noch knapp 3000. US-Wissenschaftler machen dafür die Fischerei-Industrie mit ihren Treib- und Schleppnetzen verantwortlich.
